Sarah George
”Sarah I”

Sie nehmen mir nicht meine Familie! Sie nehmen mir nicht das Leben! Sie nehmen mir nicht das Leben! Sie nicht!
— Sarah George.

Können Sie sich vorstellen, wie es ist, nur noch von einem einzigen Thema beherrscht zu werden?

Ein Thema. Den ganzen Tag. Die ganze Nacht. Immerzu. Ohne Ausnahme, seit Monaten. Ein Thema, das nicht nur das eigene Leben beherrscht, sondern auch noch den ganzen Alltag durcheinander bringt. Einen Alltag, der eigentlich bisher relativ normal war. Ja, bisher war meine größte Sorge, das Wochenangebot nicht zu verpassen.

Das ist nun seit mittlerweile fast drei Monaten vorbei. Ein normaler Alltag, ein normales Leben ist gar nicht mehr möglich. Und dass, obwohl es das bisher war.

Nun, stellen Sie sich mal vor, ja, ich bin ganz normal essen gegangen. Das war vor ungefähr einem halben Jahr zum Beispiel, da waren wir beim Griechen. Der Grieche, Athenas Grill, der war bei uns direkt in der Nähe. Man musste nur fünf bis zehn Minuten zu Fuß gehen und schon war man da. Und dort war ich vor einigen Monaten mit einem meiner Pfleger. Mit Jörg, der hier eben gesprochen hat. Ja, wir waren unterwegs und wollten danach essen gehen. Wir haben gesagt: “Ja, gehen wir doch da zum Griechen, der ist doch ganz lecker”. Wir haben uns da hingesetzt und haben da gegessen. Und danach kam die Bedienung raus und meinte dann, ja, das kostet jetzt soundsoviel, bitte bezahlen Sie das und dann haben wir in der Tasche gesucht nach dem Portemonnaie. Wo ist es denn? Wie? Nee, kann ja nicht sein. Doch! Konnte sein! War nicht da. Wir hatten kein Portemonnaie dabei! Und dann, man kann es kaum glauben, aber es war so, kam die Bedienung noch mal raus und sagte uns: „Wissen Sie was? Gar kein Problem! Dann kommen Sie eben Dienstag noch mal her und bezahlen es eben dann!“ Ja, das, meine sehr geehrten Damen und Herren, nennt man Vertrauen.

Vertrauen! Ein Wort, ein bedeutungsvolles Wort. Urvertrauen! Jeder Mensch hat es oder fast jeder.

Ich seit Kurzem nicht mehr.

Dieser Gesetzentwurf, RISG, hat mir mein ganzes Vertrauen genommen.

Nun könnte ich meine Gefühle natürlich auch in Bildern festhalten, denn ich bin Kunststudentin. Jetzt im zweiten Semester, das hat jetzt dann am 01. Oktober angefangen. Und ja, dann sitz ich dann da. Die Lehrer, die kommen mittlerweile sogar zu mir nach Hause. Und ja, dann sitz ich da, die Pflegekräfte dann neben mir, teilweise bis zu drei Stunden und wechseln mir Farbpaletten aus, tauschen die Pinsel oder waschen sie aus, verrücken die Leinwand.

Und stellen Sie sich das mal vor, wie soll das im Heim gehen?

Im Heim, wo eine Pflegekraft doch teilweise bis zu dreißig Leute zu versorgen hat - oder mehr. Wie soll das funktionieren? Ich kann es nicht sagen! Denn zu jeder Tätigkeit, die ich mache, brauche ich Pflegekräfte.

So auch zum Beispiel damals, vor ein paar Monaten, als ich meine beste Freundin in Hamburg besucht habe. Meine beste Freundin, ja, wir kennen uns jetzt seit vier Jahren ungefähr. Und auch dazu brauche ich eben Pflegekräfte. Eine, die fährt und die andere, die hinten neben mir sitzt, um aufzupassen, dass nichts passiert, wie zum Beispiel: falls die Maschine mal Alarm gibt oder wir absaugen müssen. Und meistens, meistens opfern diese Pflegekräfte auch ihre Freizeit dafür. Sie machen das mit Herz und mit Blut, mit Herzblut.

Wie, wie soll ich das tun, wenn ich im Heim bin?

Und diese Pflegekräfte, die bei mir sind, sind nicht nur Pflegekräfte, sie sind Freunde. Ja, Pflegekräfte, die zu Freunden wurden und diese Freunde wurden zur Familie.

Vielleicht kennen sie ja das Wort Ohana aus „Lilo & Stitch“. Meine Ohana. Meine Ohana ist heute auch mit mir hier her gefahren. Das wäre alles nicht möglich ohne die beiden. Familie. Das bedeutet eigentlich Geborgenheit, Sicherheit, Liebe! Ein Ort, an dem man angekommen ist. Wo man jederzeit hin kann, wenn es einem nicht mehr gut geht.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor: Herr Spahn, oder... Ja, Herr Spahn kommt und stellt sich da hin: „Frau Meyer! Ihr Kind wird morgen 18 Jahre alt und wissen Sie, was das bedeutet? Ja, morgen kommt das Kind ins Heim!“

Einfach so!

Man nimmt Ihnen Ihre Familie weg. Ihre Kinder! Ihre Eltern! Ihre Ehemänner! Einfach so! Ohne einen sichtbaren Grund, der es rechtfertigen würde.

Ihr Familie. Meine Familie.

Wie würden Sie sich da fühlen? Traurigkeit? Ich glaube, das trifft es nicht mehr. Nein, das ist keine Traurigkeit. Das, das ist Panik. Verzweiflung! Und aus Sicht der Betroffenen: Todesängste!

Todesängste, wie ich sie seit 12 Wochen jeden Tag ausstehen muss. Eine Panik, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.

Eigentlich sollte ich doch gar nicht hier stehen. Ich bin ein normales Mädchen, ich sollte ein normales Leben führen. Eigentlich sollte ich in den nächsten Wochen essen gehen, studieren, Freunde treffen. Eigentlich gehöre ich in psychologische Behandlung. Am Anfang hatte ich sogar Selbstmordgedanken.

Selbstmordgedanken.

Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch. Eigentlich. Aber eigentlich, Herr Spahn, gehören Menschen zu ihren Familien, zu Hause in ihre Selbstbestimmung. Nicht ins Heim, wie Sie uns gerade weiß machen wollen.

Nicht ins Heim!

Sie nehmen mir nicht meine Familie! Sie nehmen mir nicht das Leben! Sie nehmen mir nicht das Leben! Sie nicht!

Sie werden mir nicht das Leben nehmen.

 

Anmerkung CareSlam!

Im Beitrag wird über tiefe Verzweiflung und Suizidgedanken gesprochen. Der Beitrag kann Betroffenheit auslösen und triggern. Sollten Sie unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder jemanden kennen, können Sie Hilfe bei der Telefonseelsorge bekommen. Die Telefonseelsorge ist erreichbar unter der Telefonnummer: 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www. telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei.

 
Beiläufig beginnt Sarah George, eine 23jährige beatmete Kunststudentin zu erzählen, wie sich normales Leben für sie anfühlt. Es ist das griechische Restaurant, das vergessene Portemonnaie, das Studium, die Pinsel zum Malen. Doch Sarah kann diese Dinge nur erleben, wenn sie auf die Unterstützung ihrer Pflegekräfte vertraut.