Ricarda Maschke
”Ende und Anfang”

In ihrem Gesicht steht in Großbuchstaben: EGAL WAS IHR MACHT, RETTET MEINEN PAPA.
— Ricarda Maschke.

Der Mann ist 63 Jahre alt. Er ist mittelgroß, hat dunkle Haare und ein Loch im Hals. In dem Loch steckt eine Kanüle, durch die unablässig künstlicher Atem in ihn hineinfließt. Über die Magensonde bekommt er flüssige Kost. Durch den Dauerkatheter läuft Urin in den Beutel, der an seinem Bett hängt. Er liegt auf der linken Seite, ich stehe hinter ihm. Ich schaue auf sein Gesäß, hebe die rechte Pobacke an, schaue nach ob ich ihn noch säubern muss bevor ich ihn zudecke. Spastische Krämpfe haben seine Beine, Arme und Hände bereits verkrümmt. Ihn in eine bequeme Position zu bringen, in der er die nächsten Stunden verharren wird, ist nicht leicht. Manchmal öffnet der Mann seine Augen. Das ist alles was ich an Reaktion von ihm erhalte. Es ist die einzige Bewegung, die er macht. Ich weiß nicht was in dem Mann vorgeht. Ob er mich sieht, ob er hört was ihm ihn sage. Ob er spürt, wenn ich ihn berühre. Niemand weiß ob er körperlichen und seelischen Schmerz empfindet. Manchmal hat er Schweißausbrüche und scheint gestresst. Manchmal hat er Schluckauf oder er seufzt am Respirator. Manchmal laufen Tränen über sein Gesicht und die Falte auf seiner Stirn wird tiefer. Neulich liefen Tränen über mein Gesicht, als ich zu hundertsten Mal Sekret aus seiner Luftröhre absaugte, damit er besser atmen kann. Seitdem frage ich mich: Wem dient dieser Atem?

Seit 11 Wochen pflege ich den Mann in nahezu allen meinen Diensten. Ich kenne seinen Körper haargenau. Vom Kopf bis zu den Zehen. Ich kenne seine Lungenkapazität, seine Blutwerte, seine Ausscheidungen, seine Befunde und sogar seine Augenfarbe und Muttermale. Aber ich werde ihn niemals richtig kennenlernen. Sein Wesen bleibt mir verborgen, obwohl mir seine Familie regelmäßig davon erzählt. Der Mann wird heute noch in ein Weaningzentrum verlegt. 76 Tage Intensivtherapie konnten ihm nicht helfen, wieder er selbst zu werden.

Eigentlich wäre der Mann längst tot.

Es ist 19:34 Uhr als ich zum fünften Mal an diesem Abend auf mein Smartphone gucke. Ich rechne. Noch 41 Min. Dann muss ich das Haus verlassen und zur Arbeit fahren. Ich seufze, weil ich jetzt schon weiß, dass diese Nacht anstrengend wird. Der Tag war lang und durchorganisiert. Ich bin, kurz vor den Kindern, um 6:00 Uhr aufgestanden. Ich bin seit 13 Stunden wach. Mir bleiben 41 Minuten, um mich zu erholen, bevor die 2. Halbzeit dieses Tages beginnt. Ich hasse die erste Nachtschicht!

Auf dem Weg zur Personalküche, die gleichzeitig Sozialraum und Seelenklempnerei ist, schaue ich, wie immer, auf einen der Überwachungsmonitore auf dem Stationsflur. 12 Patienten liegen derzeit bei uns auf der Intensivstation.

Ich bekomme aus der Unterhaltung meiner Kollegen mit, dass eine junge Kollegin einen Studienplatz bekommen hat und unsere Station bald verlassen wird. „Na toll! Wieder einer weniger!“

Der Spätdienst übergibt uns die Patienten und klärt kurz darüber auf wie viele Betten wir heute Nacht belegen dürfen. Unsere Station hat insgesamt 22 Betten. Ein Drittel unserer Betten sind dauerhaft gesperrt, weil wir nicht ausreichend Pflegepersonal bekommen. Der Markt ist leer. Heute Nacht betreuen wir 12 Patienten. Im Notfall müssen wir aber weitere aufnehmen, weil wir ein Krankenhaus der Maximalversorgung sind.

Die Schicht beginnt. Ich gehe zu meinen Patienten und stelle mich vor. Ich frage wie es ihnen geht, ob sie noch etwas benötigen, wie es um die Schmerzen bestellt ist, messe ihre Vitalwerte, kontrolliere die Geräte an ihren Betten, verabreiche Abendmedikamente, verteile Wasserflaschen und auf Wunsch Schlaftabletten für die Nacht.

Ich betreue auf der internistischen Intensivstation Menschen mit Herz- Kreislauferkrankungen, Lungenerkrankungen, Nierenerkrankungen, Erkrankungen des Immunsystems, Patienten der Gastroenterologie, der Neurologie und der Onkologie. In aller Regel sind die Menschen multimorbide erkrankt! Aufgrund der wachsenden Lebenserwartung und der guten Behandlungsmöglichkeiten haben die Menschen nicht mehr nur eine Diagnose, wenn sie zu uns kommen. Es kreuzen sich beispielsweise eine Herzinsuffizienz, mit Parkinson und einer Schizophrenie. Ein chron. Nierenversagen mit einer inneren Blutung oder eine Bauchspeicheldrüsenentzündung mit einer Sepsis und einem drohenden Multiorganversagen. Viele Patienten sind zudem dement, oder suchtkrank, was uns Pflegekräften die Arbeit zusätzlich erschwert. Ein bunter Strauß an Diagnosen.

Es ist ruhig heute Nacht! Die zentrale Überwachungsanlage, die sich, gut hörbar, in der Mitte unserer großen Station befindet, schweigt ausnahmsweise. Ich höre sogar das Telefon im Arztzimmer klingeln. Es ist inzwischen 22:38 Uhr. Ich beginne mit Routinearbeiten. Medikamente für die restlichen Nachtstunden und den Tag mischen, anrichten und zählen, Labor stellen für die nächsten Blutentnahmen, Geräte überprüfen, Listen erneuern und jeden Handschlag dokumentieren.

Während dessen klingelt ständig der Notruf. Ein 'Ich habe kein Wasser mehr'-Notruf, ein 'Es ist ein Kabel ab'-Notruf und ein 'Der Kollege hat gesagt er kommt nochmal'-Notruf.

Um 00:25 Uhr löse ich meine Kollegin ab und setze mich vor die zentrale Monitor-Überwachungsanlage. Ich klicke jede Minute einen Alarm aus. Es bimmelt, auf unserer Station, nahezu ununterbrochen. Zahlreiche Fehlalarme eingeschlossen. Ich habe kürzlich einen Bericht in einer Fachzeitschrift gelesen über die Geräuschkulisse auf Intensivstationen. „Bis zu 12.000 Alarmsignale pro Tag...“, hieß es in dem Artikel. Manchmal höre ich die Töne auch Zuhause.

Um 2:15 Uhr klingelt das Telefon. Die Notärztin berichtet über einen Patienten, der grade draußen reanimiert wird und fragt ob sie uns anfahren kann. Ein Notfall, sie kann! Es heißt der Patient sei Zuhause umgefallen, die Tochter war anwesend und hat sofort mit der Laienreanimation begonnen. Eine gute Voraussetzung für sein Überleben, schießt es mir durch den Kopf, bevor ich höre das der Mann bereits 30 Min. reanimiert wird. In diesem Augenblick höre ich im Hintergrund auch noch den 'Autopulse'. Ein, so heißt es vom Hersteller, Reanimationssystem, dass eine qualitativ hochwertige, automatisierte Herzdruckmassage bei plötzlichem Herzstillstand garantiert. Ein batteriebetriebenes Gerät, das den gesamten Brustkorb eines Menschen komprimiert, um den Blutfluss zum Herzen und zum Gehirn zu steigern.

Es soll nachweislich zu einem verbesserten Outcome führen. Mit dem Outcome ist das neurologische Überleben des Patienten gemeint. Sein Bewusstsein.

Ich habe bislang andere Erfahrungen mit dem Autopulse gemacht. Ich habe außerdem gelernt das jede Minute, unter Reanimationsmaßnahmen, die vergeht, die Chance auf einen guten Ausgang für Herz und Kopf signifikant verringert. Die Rettungskräfte setzen den Autopulse normalerweise dann ein, wenn ihre Kräfte nicht mehr ausreichen, für eine ordentliche Herzdruckmassage mit den eigenen Händen.

30 Minuten! Und der Einsatz des Autopulse, verheißen also nichts Gutes.

Um 3:15 Uhr, ganze 60 Min. nach dem Anruf, erreicht uns endlich die Notärztin mit dem Patienten. Er liegt auf der Trage, den Autopulse um die Brust geschnallt. Das Zugband quetscht seinen Brustkorb unaufhörlich 100x die Minute zusammen. Zig Rippen sind bereits gebrochen. Das sehe ich bereits aus dem Türrahmen. Der Brustkorb ist weich, es gibt kaum noch Widerstand.

Seine Haut ist blass, bläulich und schmierig. Seine Augen sind halboffen und starren ins Leere. Ein Notfallsanitäter beatmet ihn mittels Ambubeutel über den Endotrachealtubus. Der Transportmonitor kreischt ohne Pause.

Der Mann ist asystol, sein Herz schlägt nicht. Die Ärztin berichtet über die vergangenen anderthalb Stunden. Mein Kollege unterbricht sie: „Sie reanimieren seit 90 Minuten?“. Sie korrigiert ihn: „95 Minuten, ja!“

Ich schaue fassungslos zu meinem Kollegen. Es reicht ein Blick, wir denken das gleiche: „What the Fuck, tun wir hier?“ Wir hören dennoch weiter zu, in der Hoffnung, dass es noch Informationen gibt, die uns Hoffnung für den Mann macht.

Während sie erzählt geht alles schnell und routinemäßig. Alle Handgriffe sitzen. 3 Pflegekräfte stehen mit dem Stationsarzt am Bett, ein Kollege behält die anderen Patienten im Blick. Ich habe erfahrene Kollegen in meiner Schicht, aber alle haben jetzt Adrenalin im Blut. Das Stresslevel ist hoch. Es ist wie bei einem Rennen: Wir gegen den Tod, der sich wie eine Schlange um den Patienten wickelt.

Unser Arzt hat jetzt das Kommando. Er will den Mann noch nicht aufgegeben. EKG ankabeln, Monitoring starten, Respirator in Betrieb nehmen, von der Trage ins Bett umlagern, Beatmung übernehmen, intravenöse Zugänge legen und sichern, Notfallmedikamente spritzen, den Autopulse abstellen; und von Hand weiter reanimieren. 30x drücken, dann 2x beatmen. In Dauerschleife. Alle 2 Minuten müssen wir uns abwechseln. Studien belegen das die Menschenkraft nicht länger ausreicht, um eine effektive Herzmassage leisten zu können. So anstrengend ist eine Wiederbelebung. Während der kurzen Unterbrechung der Thoraxkompressionen, überprüfen wir ob das Herz schlägt. Erst 10 weitere Minuten später ist es soweit.

Es schlägt! Aber das EKG sieht gefährlich aus. Das Ultraschall bestätigt die Vermutung: ein Infarkt. Wir bereiten unseren Patienten für den Transport für weitere Untersuchungen vor, befestigen überlebensnotwendige Geräte am Bett. Sorgen für ausreichend Medikamentennachschub und besprechen das weitere Prozedere, sollte er überleben. Ich biete an den Mann bis Schichtende zu betreuen und alle sind einverstanden. Jetzt ist Herr K. mein Patient.

„Die Familie ist angekommen, ich habe sie im Wartezimmer Platz nehmen lassen.“, ruft mir die Kollegin vom Flur entgegen. „Wie viel Zeit haben wir?“, frage ich um zu klären ob wir den schockierten und trauernden Angehörigen einen kurzen Kontakt ermöglichen können. Es geht.

Was dann passiert ist immer das selbe aber nie das gleiche. Aufgelöste, hilflose Angehörige. Schockiert, traumatisiert und nicht Imstande den Worten der Ärzte zu folgen. Überfordert und im Rausch der Eindrücke und Emotionen betäubt. Ich weiß nie wie sie reagieren, wenn sie erstmals den Raum betreten. Aber sie reagieren jedes Mal heftig. Mein Stationsarzt ist empathisch; aber auf seinen gesammelten Fakten basierend professionell distanziert und realistisch. „Wir können Ihnen nicht sagen ob er die Nacht überlebt.“

Die Ehefrau betet weinend am Bett, während die Tochter versucht die Informationen des Arztes zu verstehen. Ich sehe ihr an, dass sie dazu nicht mehr in der Lage ist. Ich erinnere mich, sie hat ihren Vater wiederbelebt, bis der Rettungsdienst sie abgelöst hat. Sie kann die Situation noch immer nicht begreifen.

In ihrem Gesicht steht in Großbuchstaben: EGAL WAS IHR MACHT; RETTET MEINEN PAPA.

Um 5:30 Uhr holen wir Herr K. zurück aus dem Herzkatheterlabor. Er trägt jetzt 3 Stents im Herzen, die seine Blutgefäße offen halten. Sein Kreislauf ist dennoch instabil und benötigt massenhaft Blutdruck erhöhende und Herzmuskel stärkende Medikamente. Zig Kabel und Schläuche, die zu Geräten führen sind an Herr K. angeschlossen. Seine Augen sind zu, er befindet sich im künstlichen Koma. Ich steuere die Pumpen, die die schmerzstillenden und sedierenden Medikamente beinhalten. Er sieht entspannt aus, das befriedigt mich etwas. Seine Haut ist kalt, aber nicht mehr bläulich. Ich kenne Herr K. nicht, aber ab jetzt kümmere ich mich um alle körperlichen Belange, zu denen er selbst nicht in der Lage ist, während er schläft.

Mein Nachtdienst endet um 7:00 Uhr Sonntagmorgen. Ich stehe um 6:58 Uhr vor der Stempeluhr in der Eingangshalle und überlege ob ich noch 2 Minuten warten kann. Aber ich kann nicht. Ich bin erschöpft und todmüde. Ich rieche nach Schweiß und habe das Bedürfnis mir die Zähne zu putzen, weil mein Mund sich ausgetrocknet und die Zunge pelzig anfühlt. „Dann zieht mir halt die 2 Minuten ab, mir jetzt egal“, denke ich, während ich meine Karte über die Uhr ziehe. Es piepst. Feierabend.

 

Lärm auf der Intensivstation


Pflegezeitschrift 7/2017: Lärm auf der Intensivstation.

 

Video eines Autopulse

Zoll AutoPulse zur automatisierten Reanimation