Jörg Klemme
”Sarah II”

Falls Sie tatsächlich glauben, durch das RISG tausende AIP-Pflegefachkräfte freisetzen zu können, die sich dann (mit den betroffenen Menschen um die Wette freudestrahlend) im Heim wiederfinden, dann sind Sie deutlich auf dem Holzwege. Forcierter #Pflexit wird die Folge sein. Wir arbeiten in der Regel bewusst in der Außerklinik.
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Sollte meine Klientin ins Heim müssen, so zähle ich lieber ostsibirische Hochgebirgshalbesel oder mache eine Hundepension auf. In einem Heim mit all den Widrigkeiten und Insuffizienzen reibe ich mich nicht mehr auf.
— Jörg Klemme.

So, Herr Bundesminister der Gesundheit, Jens Spahn, Es reicht!

Wissen Sie eigentlich, was Sie anrichten derzeit? Sie und Ihre Ministerialbeamten? Können Sie allen Ernstes und guten Gewissens morgens noch in den Spiegel schauen? Schlafen Sie noch gut in der Nacht?

Wunderbar, wenn es so ist. Für Sie. Und ungerechtfertigt. Aber so was von. Ich bin so wütend, das können Sie sich überhaupt nicht vorstellen!

Ich käue jetzt nicht das Grundgesetz und die UN-Behindertenrechtskonvention wider. Das haben andere schon getan, und es scheint Ihnen egal zu sein. (Was Ihnen gewiss noch auf die Füße fallen kann und hoffentlich wird). Ich mache Sie auch nicht auf die Stellungnahmen zahlreicher Fachgesellschaften, Selbsthilfegruppen und Betroffener aufmerksam. Davon kursieren genug. Nur so viel: Die Kritik ist fundiert und absolut berechtigt, scheint aber auch kein Umdenken anzustoßen.

Was mich so unglaublich wütend macht ist, wie es Sarah, meiner seit 20 Jahren beatmeten Klientin dank des RISG geht. Was es mit diesem wunderbaren Menschen macht, der wegen eines hohen Querschnitts nicht alleine atmen kann (und niemals können wird - Weaning, die Entwöhnung von der Beatmung, ist also ausgeschlossen). Eine 23jährige junge Frau, die jetzt Kunst in Hamburg studiert, ein Buch schreibt, malt und sehr gerne ihre Menschen trifft, ihre Ohana, und dafür mit ihrem eigenen rollstuhlgerechten Auto sonst wohin fährt, wenn es nötig ist. Die freitags schon häufiger vor Ihren Ministerium in der Friedrichstraße 108 in Berlin stand, um Ihnen zu zeigen, was sie vom RISG-Entwurf hält. (Sie wollen nicht wissen, was sie dafür investiert und auf sich nimmt. Aber untätig abzuwarten ist keine Option, Herr Spahn).

Voraussetzung für Sarahs Teilhabe am sozialen Leben ist ihr Pflegeteam, das immer an ihrer Seite steht. Das auch Unmögliches möglich macht, weil das Unternehmensleitbild die Inklusion, die Freizügigkeit, den individuellen Lebensentwurf, die Klientenorientierung an die erste Stelle gerückt hat und mit den Menschen lebt. Und weil die Pflegenden kontinuierlich und verpflichtend fort- und weitergebildet werden, im Übrigen auf Kosten des Unternehmens, um den eigenen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden.

Seit dem Umzug vom Lande nach Hamburg geht es Sarah zunehmend besser. Die Unbilden der Vergangenheit verlieren allmählich an Kontur und Schärfe. Aufgaben, Vorhaben, Freunde treffen, Einkaufen, Essen gehen - das klingt für nicht Betroffene normal und wenig spektakulär. Für Sarah ist es aber wiedergewonnene Lebensqualität mit neuen Perspektiven, die in dieser Form nur in der 1:1-Betreuung möglich ist.

Und dann kommen Sie mit ihrem [setzen Sie hier bitte in Gedanken ein negativ konnotiertiertes Wort Ihrer Wahl ein] RISG um die Ecke und bringen eine Welt, ein Leben aus den Fugen. Lassen Menschen wie Sarah, die es ohnehin nicht gerade leicht haben, um ihre Existenz und ihre Würde bangen.

Ich zitiere einfach mal:

„[...] Ich brenne gerade aus. Ich habe nicht mehr lange Kraft.“

„Ich bin grad am zusammenbrechen. Ich kann nicht mehr.“

„Jedesmal wenn ich wieder was über das RISG lesen muss, fühlt es sich an wie ein Stromschlag.“

„[...], ich habe gerade kein anderes Thema mehr bei mir zu Hause. Ich denke an nichts anderes mehr und sämtliche psychologische Erkrankungen zerstückeln mich.“

„Herr Spahn, wenn Sie nur eine Minute fühlen könnten wie ich, würden Sie sich wie ich wünschen, den Unfall nie überlebt zu haben.“

„Obwohl ich eigentlich nur eines will: Leben! Und zwar so, wie ich will.“

Ähnliche oder noch drastischere Aussagen finden sich bei vielen Betroffenen. „Kommt dieses Gesetz, bin ich tot“, ist da beispielsweise zu lesen. „Lieber würde ich öffentlichkeitswirksam sterben“, schrieb kürzlich eine Münchnerin.

Ist der Tod etwa einkalkuliert, Herr Spahn?

Vielleicht muss Sarah nicht ins Heim, vielleicht ist sie eine der Ausnahmen, die das Selektionsgesetz vorsieht — nach Einzelfallprüfung als Bittsteller, na klar. Vielleicht aber auch doch, wenn sich der Daumen senkt. Und selbst wenn es eine „Übergangsfrist“ gibt, ist das ein Abschied von Zuhause auf Raten. Möglicherweise spendiert noch jemand einen Abreißkalender mit lustigen Sinnsprüchen? „Heute noch Familienzeit, morgen dann fürs Heim bereit.“

Die Übergangsfrist ist natürlich keine generöse Geste, mitnichten, denn die Heimbetreiber (mit Sicherheit wieder Private Equity) brauchen diese 36 Monate, um die Verwahranstalten den neuen Gegebenheiten anzupassen. Denn man muss schon etwas zeigen können, um erst die Heime mit Patienten zu füllen - und anschließend die Taschen, denn niemand investiert ohne die Aussicht auf Gewinn und Rendite. Und ökonomische Interessen und Einsparpotentiale leiten das RISG, nicht die Sorge um die Versorgungsqualität oder finanzielle Fehlanreize für die Pflegedienste. Anmerkung: Wegen einiger schwarzer Schafe eine ganze Branche in Verruf zu bringen, ist schon ein starkes Stück. Und Beatmete regelhaft aus ihrer gewohnten Umgebung ins Heim zu drängen und das ganze noch als Mehrwert und Stärkung zu verkaufen, ist ein Skandal.

Die Ängste, die Sie, Herr Spahn, im Kopf von Sarah heraufbeschworen haben, können Sie sich offenbar nicht mal im Ansatz vorstellen. Gut, dafür bräuchte es Empathie, aber die lässt sich betriebswirtschaftlich nicht wirklich verwerten.

Eines sollte Ihnen, Ihren Mitarbeitern und der Lobby, die hinter diesem Gesetzentwurf steht (und ja, ich bin mir ganz sicher, dass Sie Einflüsterer haben, die ihre ganz eigenen Interessen verfolgen - und die sind nicht, Mehrwert und bessere Lebensqualität für beatmete Menschen zu schaffen), klar sein: Ein Unfall, ein Fehltritt, eine Infektion, und Sie könnten in der gleichen Lage sein wie Sarah. Und dann? Wollen Sie sich ernsthaft in einem Heim wiederfinden? Dort glauben Sie sich qualitativ besser aufgehoben? Dann haben Sie wahrlich noch weniger Ahnung, als ich ohnehin schon seit geraumer Zeit befürchtet habe.

Kinder unter 18 Jahren sind ausgenommen. Und dann? Kommt am 18. Geburtstag zur Kaffee- und Kuchenzeit ein Krankentransport für die Verlegung? Eine Mutter schreibt: „Wie soll ich meinem beatmeten Kind RISG erklären?“ Dafür erstellt ihr Ministerium doch bestimmt eine nützliche Handreichung, die dann sicherlich auch diesen Passus enthält, den Ihre Mitarbeiter jeder standardisierten Antwort auf persönliche Anschreiben hintanzustellen: „Ich hoffe, meine Ausführungen tragen zu Ihrem Verständnis bei.“

Nein, das tun sie nicht, Herr Spahn!

Ihr Gesetzentwurf ist für alle Betroffenen eine unerträgliche Zumutung, Herr Spahn. Sie treiben damit Menschen wie Sarah in die Verzweiflung. Sie schüren Ängste und beeinträchtigen schon jetzt, noch während des Gesetzgebungsverfahrens, die Lebensqualität ganz erheblich. Sie wollen den schwarzen Schafen der außerklinischen Intensivpflege das Handwerk legen, die aus finanziellen Gründen ein Weaning verhindern? D‘accord. Die Gesetze existieren - sie müssen nur konsequent angewendet werden. Wenn Ihnen das aber nur mit regelhafter Heimversorgung möglich scheint, dann muss die Kompetenz der verordnenden Mediziner, der leistungsgenehmigenden Kostenträger (Kassen) und der Prüfer (wie dem MDK) hinterfragt werden. Die ausführenden Pflegedienste stehen ganz am Ende der Leistungskette.

Eines noch: Falls Sie tatsächlich glauben, durch das RISG tausende AIP*-Pflegefachkräfte freisetzen zu können, die sich dann (mit den betroffenen Menschen um die Wette freudestrahlend) im Heim wiederfinden, dann sind Sie deutlich auf dem Holzwege. Forcierter #Pflexit wird die Folge sein. Wir arbeiten in der Regel bewusst in der Außerklinik. Wir haben die Möglichkeit, auf die Bedürfnisse der Klienten individuell eingehen zu können und ihnen zu einem weitgehend selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Ich weiß am Ende des Tages, alles Erdenkliche getan zu haben, um die Situation von Sarah zu verbessern.

Sollte meine Klientin ins Heim müssen, so zähle ich lieber ostsibirische Hochgebirgshalbesel oder mache eine Hundepension auf. In einem Heim mit all den Widrigkeiten und Insuffizienzen reibe ich mich nicht mehr auf.

Was Sarah dazu sagt? „Du hast es gut. Für mich gibt es keinen Patexit.“ Nein, den gibt es nicht. Das persönliche Schicksal kann man nicht als Reklamationsfall umtauschen. Dann lassen Sie diesen Menschen doch bitte ihre Würde und ihre Selbstbestimmung. Freiheit ist zu Hause, umgeben von Menschen, die man auch 24 Stunden um sich haben möchte. Denn auch die Auswahl eines Teams mit individuell passenden Menschen gibt es im Heim nicht.

Aber vielleicht überraschen Sie Sarah und mich ja. Vielleicht haben Sie ein Einsehen und ausreichend Rückgrat, sich den Einflüsterern zu widersetzen. Rechnen Sie andernfalls jedoch mit erbittertem Widerstand. Ein Gutes hat Ihr RISG: Es hat uns, die Betroffenen,die Angehörigen, die Pflegekräfte zusammengebracht, uns stark gemacht und solidarisiert. Wir lassen nicht locker, Herr Spahn. Denn Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

*Ambulante Intensiv Pflege

 

Anmerkung CareSlam!

Im Beitrag wird über tiefe Verzweiflung und Suizidgedanken gesprochen. Der Beitrag kann Betroffenheit auslösen und triggern. Sollten Sie unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder jemanden kennen, können Sie Hilfe bei der Telefonseelsorge bekommen. Die Telefonseelsorge ist erreichbar unter der Telefonnummer: 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www. telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei.