Felicitas Ingendahl
”Zahlenspiele”

60%. Wer hat sich da verzählt?

Was bin ich für ein Schaf! Wie konnte ich mich nur so verarschen lassen! All die ALSler, MSler, Wachkomatöse, Querschnitte und COPDisten, Muskelkranke, die haben alle heimlich nebenher geatmet, nur, damit ich bei denen zuhause sitze und ihnen die Blümchen gieße?
— Felicitas Ingendahl.

Zahlenspiele – oder wie man die 13.000 Pflegekräfte doch noch zusammengekratzt kriegt

Das RISG ereilte mich im Urlaub. Ungläubig schaute ich in mein Handy mit dem Referentenentwurfs und schüttelte ununterbrochen den Kopf: 3 Jahre Übergangszeit!

Wow!

Und was ist danach? Und was ist mit all den Neuerkrankten? Denkt Ihr, Beatmete sind Eintagsfliegen? Qualitätsanforderungen? Fällt Euch was auf?

Was haben die Pflegedienste in den ganzen letzten Jahren gemacht? Eventuell mit einem immensen Aufwand an Zeit, Geld und Manpower ihre Mitarbeiter durch Qualifikationen geschleust? Wäre schön, wenn das stationär genauso gelten würde und noch schöner, Ihr würdet die bereits stattgefundenen Bemühungen honorieren, so dass auch ich es in meinem Lohn spüren kann!

Eigenanteile der stationären Pflege und der ambulanten sollen angeglichen werden? Wooow, Prima!

Bin ich auch für, war lange überfällig. Dazu sollen die stationären Zuzahlungen sinken? Da wird was billiger? Wow, wie generös! Was Ihr euch dabei nur gedacht habt?

„Für die längerfristige stationäre Beatmungsentwöhnung wird die Finanzierungsgrundlage dafür durch Ermöglichung eines krankenhausindividuellen Zusatzentgelts verbessert.“

Wow.

Wassn Satz. Heißt: Weaning erhält mehr Geld. Überfällig. Gibt zu wenig Plätze.

Einrichtungen werden nur zugelassen, wenn sie „Kooperationsvereinbarungen mit ärztlichen und weiteren nichtärztlichen Leistungserbringern“ schließen.

Wow. 2019 und die freie Arztwahl wird bei Beatmung abgeschafft.
Und woher nehmt Ihr noch eben die ganzen Fachärzte für die Hausbesuche?

„Die Leistungen werden künftig regelhaft in vollstationären Pflegeeinrichtungen oder in speziellen Intensivpflege-Wohneinheiten erbracht.

In Ausnahmefällen kann die Intensivpflege auch im Haushalt des Versicherten oder sonst an einem geeigneten Ort erbracht werden.“

Wow.

Beatmete ins Heim Kinder ab 18. Zuhause soll die Ausnahme sein. Und wer entscheidet über Ausnahmen? Ich konnte keine Antwort im Entwurf finden. Alles sehr verwaschen und beängstigend.

Ich wurde immer unwirscher.

Das besserte sich auch nicht nach der ersten Stellungnahme des Herrn Bundesgesundheitsministers:

“Ärzte sagen uns, bis zu 60% der Patienten, die beatmet werden, die zum Teil einen Luftröhrenschnitt haben, könnten eigentlich von der Beatmung entwöhnt werden, nur die finanziellen Anreize sind so, und zum Teil auch die Abläufe, dass sie beatmet bleiben, obwohl sie eigentlich eigenständig atmen könnten.“

60%. Wer hat sich da verzählt?.

Was bin ich für ein Schaf! Wie konnte ich mich nur so verarschen lassen! All die ALSler, MSler, Wachkomatöse, Querschnitte und COPDisten, Muskelkranke, die haben alle heimlich nebenher geatmet, nur, damit ich bei denen zuhause sitze und ihnen die Blümchen gieße?

Woher kommt diese astronomische Zahl? Gute Nachricht: Ich habe sie gefunden! Yeah!

Schlechte Nachricht: die meinen damit nicht meine Patienten Upps.

Im Positionspapier von 2017 diverser Fachgesellschaften wird von 60% Weaningpotenzial geredet. OK. Zahl gefunden.

Einschränkung 1: Auf Weaningstationen.

Einschränkung 2: Von Patienten direkt von der Intensiv.

Anmerkung 3: Und erfolgreich geweant ist schon der, der von der Trachealkanüle auf Maskenbeatmung umgestellt werden konnte.

Einschränkung 4: Erfolgreich geweant ist schon der, der 48 Stunden vor Entlassung soooo hmmmm ganz angemessen stabil ist und um mindestens eine Stufe „runtergeweant“ wurde. Ist was fürn…. Popo.

Diese genannten Einschränkungen stehen so ausdrücklich nicht im Positionspapier, dazu muss man sich die Mühe machen, die genannten Primärquellen herauszufummeln und durchzuforsten. Und: das alles sagt nichts über den Bedarf an Intensivpflege aus:

Wer seine Hände benutzen kann um sich die Maske selbst auf- und abzusetzen, der braucht mich nicht. Super. Gönn Dir.

Und wenn es dann nach 48 Stunden erfolgreichen Weanings in die WG geht, dann wird es oft wenig spaßig, wie meine langjährig erfahrene Freundin Sandra berichten kann:

„Ich kann Dir von zig Patienten berichten, die meist höchst pflegebedürftig und in der Mobilisation sehr aufwändig sind, die binnen einer Woche massiv eingebrochen sind, weil auf der weaning weitaus weniger mobilisiert wird“ – was vermehrte Anstrengung – vermehrte Atmung bedeutet.

Wenn diese wieder zurück in die Klinik müssen, dann wurden sie von den genannten Studien nicht mehr erfasst.
Und: Ich habe über Weaningversagen innerhalb des ersten Monats nach Entlassung auch keine Studien finden können. Es scheint sie nicht zu geben.

Halte ich also fest: Von einer Weaningstation erwartet man, dass sie Patienten weanen.

Es gibt zu wenige Plätze. Seltsam. Zu viele Kliniken – sagt Herr Spahn – aber zu wenig Weaningplätze. Wer dorthin überwiesen wird, hat Glück, denn die überweisenden Ärzte sehen noch ein größeres Potenzial, dass das Entwöhnen klappen könnte.

Andere, mit größerer Aussicht zum Weaningversagen, würden zu lange wertvolle Plätze belegen. Auf einmal passen die 60%.

Wow.

Was nicht passt: Es so darzustellen, als ob es meine durchschnittliche Kundschaft wäre.

Und da ich gerade dabei war, Zahlen zu schubsen, hab ich das hier gefunden:

Ausgaben für die außerklinische Intensivpflege: Rund 3 Milliarden pro Jahr.

Aber: Ausgaben der Krankenkassen gesamt: 226 Milliarden. Also sind 3 Milliarden 1,5%

Und hier will Spahn sparen. Es kann nicht ums Geld gehen.

Es geht um uns. Ein Patient in der 1:1 Versorgung bindet fünfVollzeitstellen examiniertes Personal. Wenn nur 1000 Patienten stationär gehen, werden 6000 Pflegekräfte frei, sagt Herr Rüddel. Beweis. Er kann nicht rechnen, der ehemalige Geschäftsführer eines Pflegeheims. 1000 Patienten hatten 5000 Vollzeit-Pflegekräfte. Und davon brauchen die immer noch mindestens 800, aber eher das doppelte bis dreifache.

Um satt, abgesaugt und sauber zu bleiben

Fassungslos fragte ich die Pflegenden selbst.

Auf meine Umfrage, Mit heißer Nadel, schnell entwickelt, antworteten mir fast 550 Kollegen.

Ich wollte wissen: Wer pflegt in der Intensivpflege? Und was machen die, wenn es die 1:1-Versorgung plattgemacht wird?

Dreiviertel sind Frauen.

Ein gutes Drittel ist 36-45 Jahre alt. Das zweite Drittel älter, das letzte Drittel jünger.

Im Durchschnitt über 18 Jahre im Beruf. Wir sind erfahrene Hasen.

Und auch die Erfahrung in der Außerklinik kann sich sehen lassen:

Im Durchschnitt 6,8 Jahre. Und 19% sind über 10 Jahre dabei. Für einen jungen Bereich der Pflege ist das eine enorme Stabilität. Knapp 70% von uns arbeiten Vollzeit, Herr Spahn! Diese Arbeit KANN man auch Vollzeit durchhalten!

Und über die Qualifikationen brauche ich nicht zu reden: Um die 500 haben, was die Beatmung angeht, wenigstens die Basisqualifikation!

Aber auch PDL, Dialyse, Pain Nurse, Fachwirt, QM, Hygiene, Wachkomaexperten, Praxisanleitung, Pallinurses – die Mehrheit hat wenigstens eine Weiterbildung NEBEN der Beatmung!

Wir sind beispielhaft, Herr Spahn. Nachahmenswert in der Politik. Kein Wunder, will Herr Spahn diesen Schatz heben! Es sieht schlecht aus für Euch, Ihr Jäger der verlorenen Fachkräfte! Ein Drittel werdet ihr gewiss verlieren. Und ein weiteres Drittel vielleicht.

Dann toi, toi, toi, dass sich genügend von uns drängen und zwängen lassen, in die Waschgassen von Helios und Alloheim zurückzukehren und Ihr nicht diese zwei Drittel komplett an den Pflexit verliert!

Mal aus dem Nähkästchen geplaudert: Als die Post privatisiert wurde, arbeitete ich in einer psychosomatischen Privatklinik, in der die ü50jährigen Postler als Patienten aufschlugen, weil sie mit den Veränderungen und Anforderungen des umbruchs nicht mehr klar kamen. Am Ende der Reha wurden die meisten von ihnen kaputtgeschrieben. Und wir außerklinischen sind zu einem Drittel AUCH über 50. Obacht. Manchmal wiederholen sich Dinge.

Und die, die bleiben, wo werden die arbeiten wollen? Fast die Hälfte will im Thema bleiben: Beatmungs-WG. Und nicht mal 16% entscheiden sich für Krankenhaus, Tourenpflege oder heim. Und der rest ist weg vom Bett.

Nein. Wir sperren uns. Fürs Löcherstopfen sucht woanders.

Nochmal Thema Qualität. Ihr sagt so schön: „Es gibt keine Zahlen, die sagen, dass zuhause besser versorgt würde als stationär.“ Kein Wunder, es gibt hierzu ÜBERHAUPT keine Zahlen. Es gibt keine Studien. Sachlich richtig, aber das Mißverständnis in Eurer Formulierung ist gewollt und eingepreist! Wie Eure 60% Weaningpotenzial.

Zu dieser Zahl haben wir aus der Außerklinik übrigens auch eine klare Stellung: Von durchschnittlich acht im letzten halben Jahr gepflegten Patienten wird bei einem ein Weaningpotenzial erkannt. Das sagen wir. Fachkräfte, die am nähesten und am längsten am Patienten „dran“ sind. Und wir sagen auch: Nur 0,3 Patienten würden danach keine Intensivpflege mehr benötigen.

Wir kommen auf 4%. Nicht auf 60.

Ihr seid Meister im Zahlen- und Worteverdrehen.

Uns bekommt ihr nicht.

UND UNSERE PATIENTEN AUCH NICHT!

 

Wissens- und Lesenswertes


Wikipedia: Weaning/Beatmungsentwöhnung.

Deutsche Interdisziplinäre Gesellschaft für Außerklinische Beatmung: Positionspapier “Ambulante Intensivpflege nach Tracheotomie”.

Interview mit Erwin Rüddel (CDU) im Gesundheitspolitischen Informationsdienst: Erwin Rüddel eröffnet eine völlig neue Perspektive für das geplante RISG.