Spahn, Du gehst mir nicht an meine Gänsegurgel!

Wenn die Menschen mit beatmungspflichtigen Erkrankungen erst einmal in die Heime zurückgeführt sind, wird sicherlich auch Ratzfatz die Heilpflege als Beruf abgeschafft. Wir hätten dann eine vom Staat gesteuerte Rehospitalisierung.

Wir scheinen der Distopie von Heimöffnungen in 20 Jahren immer näherzukommen.

Wir werden dann sicherlich in einigen Heimen ähnliches finden wie im Film "Die Hölle aus Uckermünde" (Hessischer Rundfunk, 1993). In den 1970ern sah es in der Bundesrepublik in den Einrichtungen ähnlich aus.

Die Unterversorgung wurde über die Psychiatrie-Enquete "Der Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland" im Auftrag des Deutschen Bundestages durch eine Sachverständigenkommission aus rund 200 Mitarbeitern aller Bereiche der Psychiatrie erstellt*.

Die Kommission erarbeitete folgende Empfehlungen:

  • Förderung von Beratungsdiensten und Selbsthilfegruppen

  • Gemeindenahe Versorgung

  • Umstrukturierung der großen psychiatrischen Krankenhäuser

  • Getrennte Versorgung für psychisch Kranke und geistig behinderten Menschen

  • Gleichstellung somatisch und psychisch Kranker

  • Förderung der Aus-, Fort- und Weiterbildung

  • Versorgung psychisch Kranker und Menschen mit einer Behinderung als Teil der allgemeinen Gesundheitsversorgung

Diese Empfehlungen werden bis heute mehr schlecht als recht in dem Prozess der Psychiatriereform in Versorgungstrukturen umgewandelt.

Warum schreibe ich das?

Was hat das mit dem Widerstand gegen das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU geplanten “Gesetz zur Stärkung von Rehabilitation und intensivpflegerischer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung” (RISG) zu tun?

Weil wir schon jetzt wieder Heime haben, die Verwahrinstitutionen gleichkommen.

Viele Menschen mit beatmungspflichtigen Erkrankungen sind häufig ebenfalls von Doppeldiagnosen aus dem psychiatrischen Formenkreis betroffen. Viele haben Depressionen. Wenn man diesen Menschen jetzt das Zuhause und die hohe Betreuungsintensität nimmt, werden viele dem Tod geweiht sein.

Ebenfalls erstarkte über die Enquete die Behindertenbewegung.

Das was Gesundheitsminister Jens Spahn jetzt vor hat, bricht viele Gesetze, z.B. das Bundesteilhabegesetz, aber auch die UN Behindertenrechtskonvention. In der Behindertenrechtskonvention geht man davon aus, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigte Menschen sind. Sie werden nicht als "Kranke" (medizinisches Modell), sondern nach dem menschenrechtlichen Modell betrachtet. Als Grundlage der Konvention dienen die Menschenrechte.

Mittlerweile haben 177 Staaten die UN-Behindertenrechtskonvention anerkannt.

In Deutschland trat sie am 26.03.2009 in Kraft.

Wenn man bedenkt, dass es gerade für Deutschland aufgrund des Umgangs und der Euthanasie im Nationalsozialismus wichtig ist, sich mit dem Menschenbild in Medizin und Pflege auseinanderzusetzen, bekommt der RISG-Vorstoß noch einmal zusätzlich einen bitteren Beigeschmack.

Wenn jetzt die Pflege und die Institutionen es nicht schaffen für die Anvertrauten einzustehen, werden wir in der Pflege weitere Rückschritte in Kauf nehmen müssen.

Wir können jetzt Kraft generieren über Einheit und das Eintreten für eine gestärkte Profession, die in der Lage ist, gesellschaftlichen Schaden abzuwenden.



*Den Bericht kann man hier herunterladen: Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland — Zur psychiatrischen und psychotherapeutisch/psychosomatischen Versorgung der Bevölkerung — [pdf]

CareSlam!11. Foto: Thorsten Strasas

CareSlam!11. Foto: Thorsten Strasas



Matthias Vernaldi. Foto: Yvonne Falckner.

Matthias Vernaldi. Foto: Yvonne Falckner.

Matthias Vernaldi, Gründer der Arbeitsgemeinschaft selbständiges Leben (ASL) schreibt:

“Die stationäre Unterbringung wäre mein Tod. Jedes Krankenhaus, auch die Intensivstation in der Charité, die speziell auf beatmete Patienten eingestellt ist, ist froh, dass ich meine Assistenten mitbringe. Die wissen alle viel besser als die Fachleute, was konkret bei mir gut ist.”

Seine vollständige Stellungnahme kann man hier nachlesen: Stellungnahme.

Während des Tages der offenen Tür im Bundesministerium für Gesundheit haben dutzende Aktivisten gegen das RISG protestiert.

Ein kurzes Video von Nadya Klarmann auf Facebook zeigt, wie die Aktivisten fordern gehört zu werden: Mikrofon!