Warum wir Ohrenzeugen werden müssen!

In der zeitgenössischen Oper „Wunderzaichen“ sagt der Protagonist:

"Ein Ohrenzeuge ist mehr wert als zehn Augenzeugen.“

Anfänglich dachte ich, kann das denn richtig sein? Ist ein Ohrenzeuge mehr wert?

Immerhin leben wir in einer medialen Zeit und werden tagtäglich mit Bildern geflutet. Bilder, die wir kompensieren, scheinbar sofort integrieren, das Schreckliche sofort als normal anpassen. Es scheint, dass Bilder uns nicht mehr wirklich erreichen. Wir haben gelernt unsere Gehirne zu schützen.

Das Bild kommt nicht von hier.

Es kommt von weit fern daher.

Wir haben uns an Schlauchboote gewöhnt, die vollbeladen mit flüchtenden Menschen durch das Mittelmeer in einer oftmals tödlichen Odyssee umherirren. Nur wenige Mutige sind so empfänglich, dass sie das Leid im Gesehenen erkennen und zu helfen beginnen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir tagtäglich über Social Media mit irgendwelchen schrecklichen Bildern konfrontiert werden, die aus Pflegeeinrichtungen gezeigt werden.

Noch viel schlimmer, tagtäglich sind Pflegende in dieser Welt unterwegs, sehen diese Bilder, versuchen mit Pflegehandlungen, das Bild minimal zu verändern, indem sie Pflegehandlungen vollziehen um damit photoshopgleich, ein besseres Bild zu schaffen: der Mensch ist satt und sauber, auch wenn er währenddessen Laute des Leids von sich gab.

Leise flüsterte: „Ich will sterben. Können Sie mir nicht eine Spritze geben?“

Satt und sauber ist schwer in einer Zeit des massiven Pflegenotstands und so wissen wir sehr wohl, dass die oberflächliche Politur, der Filter der pflegenden Handlung, nur ein aushaltbares Bild schaffen kann.

Warum denke ich über Bilder nach, wenn ich über RISG nachdenke?

Warum möchte ich Sie einladen, dass Sie über Bilder nachdenken, wenn wir jetzt gleich gemeinsam über RISG nachdenken werden?

Ich denke über Bilder nach, weil schon gleich nachdem aus dem Bundesgesundheitsministerium der Referentenentwurf zum Reha- und Intensivstärkungsgesetz veröffentlicht wurde, neue Bilder entstanden.

Plötzlich sah man sie auf der Straße, im Bundesgesundheitsministerium während des Tages der offenen Tür und jede Woche vor dem Bundesgesundheitsministerium: Menschen, die an beatmungspflichtigen Erkrankungen leiden und nun versuchten, mit dieser Einschränkung ein Bild zu erzeugen, Wörter zu nutzen, sich zu äußern.  Und es war und ist ihnen so wichtig, dass sie dies trotz der erschwerten Sprache und Atemsituation taten und tun.

Sie suchten nicht nur Augenzeugen, sondern ebenfalls Ohrenzeugen.

Die Menschen hatten und haben immer noch Angst. Sie fühlten und fühlen sich noch immer bedroht vom Gesetzesentwurf, der beinhaltet, dass Menschen unter dauernder Beatmung, nur noch stationär betreut werden sollen. Das Recht auf Heimat wird sozusagen abgesprochen und der Grundsatz ambulant vor stationär, welchen wir fest im Sozialgesetzbuch verankert haben, ausgehoben. Ebenfalls war es möglich, das Grundgesetz und die UN-Behindertenrechtskonvention auszuhebeln. Einfach so - auf dem Papier.

Die Menschen entwickelten innere Bilder.

Was bedeutet es, wenn ich mein letztes Stück Freiheit, mein Zuhause, mein Pflegeteam, meine Assistenten und Assistentinnen verlieren soll und aufgrund meiner Einschränkung in eine stationäre Einrichtung ziehen soll?

Was bedeutet es, wenn wir das letzte Stück Teilhabe und Inklusion aufgrund einer betreuungs- und kostenintensiven Pflegeleistung in einem stationären Pflegeschlüssel einmünden lassen?

Es bedeutet eine weitere Verschlechterung und es bedeutet eine weitere Unterversorgung. Diese Menschen haben sich ihre Erkrankungen, Verunfallungen, akut lebensbedrohliche Erkrankungen und Störungen nicht ausgesucht, sondern sie sind ein Ausdruck des menschlichen Lebens, das sich auch in einem hohen Pflegebedarf zeigen kann.   .

Zu mir als Betroffene des Gesetzes, als Pflegefachperson und somit stellvertretend für viele Pflegefachpersonen möchte ich nur sagen: Liebes Bundesgesundheitsministerium, Langzeitpflege ist teuer und in vielen Bereichen der Langzeitpflege spielt sich das gleiche Dilemma ab.  Es drückt eine hohe Zahl Pflegebedürftiger auf eine immer weniger werdende Ressource Pflegefachfachpersonen. Auf uns, die Gesellschaft und auf den Staat. Der Bereich ist unterfinanziert. Und somit werden Sie es auch nicht schaffen, über den hoffnungslosen Versuch von Orte-Verschiebungen, an denen Pflege geschieht, die Pflegefachpersonen auszulösen, sondern vielmehr werden sich Pflegefachpersonen andere Berufe suchen.

Schon jetzt sind viele im Pflexit.

Sie wollen nicht mehr mit schlechten Bildern und leidvollen Worten geflutet werden, die sowohl primär als auch sekundär traumatisieren. Dieses Dilemma muss abgeschafft werden, da wir sonst immer weiter für das System wichtige Berufsmitglieder verlieren.

Doch ich möchte nicht noch weiter für diese Menschen sprechen, sondern vielmehr einen Raum zur Verfügung stellen, indem sie heute ihre eigenen Wörter ergreifen können.

Hören wir Ihnen gut zu. Lassen wir uns heute zu Ohrenzeugen machen. In diesem Sinne möchte ich die 12. CareSlam! Schicht eröffnen und freue mich, dass wir diesen Raum als Ohrenzeugen verlassen werden.

In der Hoffnung, dass sich das Bild und das gesprochene Wort in Ihnen verbindet.  

 Yvonne Falckner