Mit dem Spahn'schen RISG zurück in die Vergangenheit oder für die Ethik des Nicht-Perfekten

Wenn es um das geplante Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz (RISG) geht, lohnt ein Blick auf die Psychiatrie-Enquete und die daraus ergebene, sich noch immer in der Umsetzung befindlichen Psychiatrie-Reform.

Aus J.H. van den Berg: “Grundriß der Psychiatrie”, 1970.

Aus J.H. van den Berg: “Grundriß der Psychiatrie”, 1970.

Das Bild oben zeigt einen beatmeten Jungen mit Poliomyelitis (Kinderlähmung) in seinem Beatmungswagen.

Das Bild stammt aus "Grundriß der Psychiatrie" von J.H. van den Berg, ein psychiatrisches Lehrbuch aus dem Jahr 1970. Der Patient wurde in einer großen psychiatrischen Landesklinik aufgenommen. In den Psychiatrien befanden sich damals sogenannte Chronikerstationen.

Es geht bei RISG nicht um Fürsorge, sondern ganz einfach darum, dass die Menschen mit Langzeitpflegebedarf, den Kassen zu teuer sind. Die Politik ist nicht der Lage einzugestehen, dass zur Umsetzung und für den Aufbau wirklich greifender Versorgungsstrukturen, Geld in die Hand genommen werden muss.

RISG geht somit sehr tief und missachtet alle bereits vorhandenen und hart erkämpften Versorgungsstrukturen.

Wenn man jetzt feststellt, dass die Psychiatrien ebenfalls Alarm schlagen und mit der neuen Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) auf die bereits bestehende Unterversorgung verweisen, dann muss einem klar werden, dass die Langzeitpflege nicht in ein rein auf Leistung optimiertes System passt.

Die Langzeitpflege kann uns jedoch lehren, ein ethisches Verständnis für nicht Perfektes zu etablieren. Sie kann uns lehren, dass es an der Zeit ist, dass sich die Pflege auch auf Betreiberebene zusammentun sollte, um klar und deutlich für die Anvertrauten einzustehen.

Ebenfalls sollten wir gegenüber Politik und Gesellschaft genauestens kommunizieren, dass es Intensivpflichtigkeit auf unterschiedlichen Ebenen gibt und diese auch im Demenzbereich oder in der psychiatrischen Versorgung anzutreffen ist.

Wir sollten nicht zulassen, dass die Regulierung und die Umkehr von "ambulant vor stationär" auf "stationär vor ambulant" mit der kleinen Gruppe der beatmeten Menschen beginnt, sondern stattdessen immer wieder für Pflege und Versorgung einstehen.

Nur so können wir beweisen, dass wir für unsere Profession einstehen und uns an den ICN - Ethikkodex [pdf] halten.

Die Pflegende teilt mit der Gesellschaft die Verantwortung, Maßnahmen zugunsten der gesundheitlichen und sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung, besonders der von benachteiligten Gruppen, zu veranlassen und zu unterstützen.
— ICN-Ethikodex: 1. Pflegende und ihre Mitmenschen, Abs. 5.