#twitternwierueddel oder wenn ein Politiker die Pflegenden unterschätzt

Es begann mit einem Tweet des Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Erwin Rüddel (CDU). Darin legte er den Pflegekräften nah, die gerade beschlossene, weitestgehend wirkungslose Symbolpolitik der nächsten Großen Koalition doch bitte ordentlich zu lobhudeln und die Arbeitsbedingungen in der Pflege schönzureden.

Zudem verlagert er die Verantwortung für die Situation der Pflege auf die Beschäftigten selbst:

Doch wie das so ist im Internet, die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und es entwickelte sich ein veritabler Shitstorm, als Pflegende ihre Erfahrungen unter dem Hashtag #twitternwierueddel veröffentlichten.

Allerdings nicht ganz so, wie Herr Rüddel sich das wohl dachte.

Wenige Stunden nach den ersten Reaktionen trendete der Hashtag:

 Screenshot Twitter

Screenshot Twitter

Es folgen mehrere tausend weiterer Tweets mit Erfahrungsberichten von Pflegenden, die einen erschreckenden Einblick in die deutsche Pflegelandschaft bieten. Die Pflegesituation, für die auch ein Herr Rüddel als ehem. gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag mitverantwortlich war.

Aber wir wollen natürlich überparteilich bleiben:

 

Medienecho

Inzwischen berichten auch Medien über das Ergebnis der Ignoranz und Dreistigkeit des CDU-Politikers. Hier eine Auswahl:

So stellt BuzzFeedNews fest

"Deutschland wurde heute von Tweets wie diesem regiert, die zeigen, wie im Arsch die Situation für viele Pflegekräfte in Deutschland ist"
https://www.buzzfeed.com/

und zvw.de schreibt:

"Dieser Schuss geht gehörig nach hinten los. In kürzester Zeit tauchte stattdessen #twitternwierueddel auf der Social Media Plattform auf. Pflegekräfte und Angehörige berichten über ihren Alltag in deutschen Kliniken und Einrichtungen - schonungslos, schockierend und vor allem bitterböse zynisch."
https://www.zvw.de

Die Pflegebibel erkennt an:

"Pflegende machen sich seither mit viel Ironie und Sarkasmus Luft und zeigen Koalitionsverhandler Rüddel, was sie von seinem „Deal“ halten. Einige der Tweets sind dabei kleine humoristische Meisterwerke, die mit einem Augenzwinkern die Schattenseiten des Berufs ins Gegenteil verkehren und so wunderbare Euphemismen für den Pflegenotstand schaffen."
https://die-pflegebibel.de

Ze.tt äußert sich zum Tweet von Erwin Rüddel so:

"Mit seiner Äußerung schob der Politiker die Verantwortung für den Mangel an Pflegekräften in Deutschland dem Pflegepersonal zu."
https://ze.tt

Bento schreibt dazu:

"Unter #twitternwierueddel berichten sie zynisch aus ihrem Berufsleben – und warum sie niemanden zu dem Beruf raten wollen. Die Pfleger zeigen erschreckende Missstände auf, die ihrer Meinung nach in Wirklichkeit den Nachwuchsmangel in dem Beruf verursachen."
http://www.bento.de

Das Neue Deutschland sieht einen

"Imageschaden im Pflegesektor"
https://www.neues-deutschland.de

Das Hamburger Abendblatt zieht einen interessanten Vergleich:

"Den CDU-Politiker Erwin Rüddel könnte man ab sofort als Uli Hoeneß der sozialen Netzwerke bezeichnen. Mit einem provokanten Beitrag im Stile des Fußball-Funktionärs hat Rüddel eine Diskussion über die Gesundheitspolitik angestoßen. Der einzige Unterschied zu Hoeneß: Rüddel kann kaum damit rechnen, dass nach sein Kommentar erfolgreiche Zeiten einläuten wird."
https://www.abendblatt.de

In einem nahezu gleichlautenden Artikel meldet auch die Berliner Morgenpost:

"Erwin Rüddel wollte doch nur die Pläne einer möglichen großen Koalition loben. Auf Twitter bringt er aber Pflegende gegen sich auf."
https://www.morgenpost.de

Und Der Westen stellt fest:

"Für Pflegende muss die Aufforderung Rüddels wie ein schlechter Scherz gewirkt haben."
https://www.derwesten.de

Die Deutsche Apotheker Zeitung schreibt:

"Die emotionale Reaktion der Pflegerinnen und Pfleger ist ein Hinweis darauf, wie arg die Lage in einigen Krankenhäusern und Pflegeheimen ist."
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de

Edition F schreibt über die twitternden Pflegekräfte:

"Für sie stellte der angebotene „Deal” nämlich nicht weniger als blanken Hohn dar."
https://editionf.com

Inzwischen erkennt auch Spiegel Online:

"Auf Twitter forderte der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag deshalb Pflegekräfte auf, extra positiv über ihren Job zu berichten. Das ging gehörig nach hinten los."
http://www.spiegel.de

Die Berliner Zeitung bemerkt:

"Nun sind es genau diese alarmierenden Zahlen und ihre Folgen für die Betroffenen, die dem CDU-Politiker bei Twitter um die Ohren fliegen. Denn wer im Internet Wind sät, erntet einen Shitstorm."
https://www.berliner-zeitung.de

Die shz über die Welle der Empörung:

"Der Hashtag bringt das Thema Pflegenotstand erneut ins öffentliche Bewusstsein. Viele Nutzer zeigen sich entsetzt von den Zuständen, die sich hier offenbaren."
https://www.shz.de

Stern.de hat ein schönes Video zum Thema gemacht und schreibt dazu:

"Statt Lobeshymnen gab es jedoch bitterböse Anekdoten aus der Arbeitsrealität – von Ausbeutung und Ignoranz."

Auch der Deutschlandfunk berichtet per Audio-Sendung und interviewt die Erfinderin von #twitternwierueddel:

Es könnte doch alles so einfach sein: Wenn Pflegekräfte einfach mal positiver über ihren Beruf berichten würden, bisschen die Werbetrommel rühren, dann wär das mit dem Pflegenotstand schon bald gar kein Problem mehr. Für diesen Tweet hat sich der CDU-Politiker Erwin Rüddel jetzt einen richtigen Shitstorm eingebrockt – von Pflegekräften, die sich zu tausenden mit ganz anderen Erfahrungen zu Wort melden. Tatsächlich sei es nicht einfach, lobende Worte für den Job in der Pflege zu finden, sagt Sarah Menna aus Breckerfeld, alias LAD_in_GAZ@emergencymum, die den Hashtag ins Leben gerufen hat.
http://www.deutschlandfunk.de

Auch der WDR berichtet und interviewt Sarah Menna in Der Tag.

Die FAZ sieht den CDU-Politiker Rüddel vorgeführt:

"Eigentlich wollte Erwin Rüddel nur ein bisschen für die Groko werben. Der Vorschlag des CDU-Politikers und Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses im deutschen Bundestag: positive Stimmung verbreiten. Allerdings forderte er das nicht von seinen Groko-Mitstreitern, sondern von denjenigen, die von den bisherigen Verhandlungsergebnissen von SPD und Union alles andere als begeistert sind: den Pflegekräften."
http://www.faz.net

Die Mitteldeutsche Zeitung glaubt (warum auch immer), Herr Rüddel hätte " es sicher gut gemeint", erkennt dann aber auch:

"Dem Aufruf von Rüddel folgten dann auch viele in der Pflege Beschäftigte – allerdings ganz anders als von Rüddel gewollt."
https://www.mz-web.de

Der Tagesspiegel aus Berlin schreibt:

"Über mangelnde Resonanz kann sich Rüddel seither nicht beklagen. Im Gegenteil: Es war eine Lawine, die über ihn hereinbrach. Die Reaktionen fielen allerdings anders aus, als er sich das wohl gedacht hatte. Neben vernichtenden Kommentare zu den Koalitionsvereinbarungen, deren sich der CDU-Experte rühmte, tauchte in Windeseile auch der Hashtag „#twitternwierueddel“ auf, unter dem Pflegekräfte und Angehörige einen Alltag in deutschen Krankenhäusern und Heimen schildern, wie er in Politikerreden niemals vorkommt. Brutal, schockierend und voller Zynismus."
http://www.tagesspiegel.de

Die Frankfurter Rundschau muss feststellen:

"Doch sein Plan ging ordentlich nach hinten los."
http://www.fr.de

Jetzt.de zeigt sich berührt:

"Besonders bewegend sind die Tweets, in denen die User berichten, wie sich ihre Arbeitsbedingungen auf die Patienten auswirken."
https://www.jetzt.de

Die Neue Westfälische vermeldet:

"Daraufhin haben ihm Pflegekräfte unter #twitternwierueddel geantwortet, wie "toll" ihr Beruf wirklich ist. Dabei kommen Anekdoten ans Tageslicht, die die Missstände teilweise humorig, teilweise bedrückend schildern."
http://www.nw.de

Auch Springer Pflege nimmt sich des Themas an und stellt fest:

"Bereits letzte Woche wurden die in den Koalitionsverhandlungen beschlossenen Maßnahmen gegen den Pflegenotstand vom Deutschen Pflegerat und den Berufsverbänden übereinstimmend als völlig unzureichend abgelehnt. DBfK-Präsidentin Christel Bienstein erklärte, die Politik habe noch immer nicht verstanden, wie brisant die Pflegesituation in Deutschland tatsächlich ist."
https://www.springerpflege.de

Die Rechtsdepesche nimmt den die Reaktionen der Pflegenden zum Anlass, um das "Jammern" zu hinterfragen und kommt zu dem Schluss:

"Wie „konsequent“ in der Gesundheitspolitik die Belange der Pflegenden abgehandelt werden, demonstrierte Erwin Rüddel unlängst in der von ihm maßgeblich mitbestimmten Debatte um das neue Pflegeberufegesetz: Das Gesetzeswerk, das auch zu einer Attraktivitätssteigerung in der professionellen Pflege führen soll, wird nun in abgeschwächter Form und deutlich später in Kraft treten."
https://www.rechtsdepesche.de

Emotion weiß wohl nicht nur was Fauen fordern, sondern erkennt auch:

"Die Situationen, die hier geschildert werden, sind erschütternd. Und je mehr dieser Tweets man liest, desto deutlicher wird: Das sind keine Ausnahmen. Hier läuft etwas richtig schief in der Pflege."
https://www.emotion.de

 

Eine Warnung sei auf jeden Fall angebracht:

Die Tweets zum Hashtag #twitternwierueddel können hier nachverfolgt werden: #twitternwierueddel.