Zweiter CareSlam.

„Nachdem ich die Politiker mit Emails und mit meinen wunderbaren Ideen bombardiert habe, kamen nun die kleinen, nicht so Einflussreichen der Partei zu mir. Und sie sagten: ‚Sei nicht so laut! Wir machen das schon länger. Wir können das besser. Fang erstmal klein an!‘ Da sagte ich mir: ‚Nein! Soviel Zeit habe ich nicht mehr.'“

Marika Lázár.

Am 9. Januar 2016, kurz nach dem Festtagsschmaus und fast noch mit einem Silvesterkater, trafen sich Pflegekräfte erneut auf der Bühne der Alten Feuerwache in Berlin Friedrichshain zum zweiten CareSlam.

Als erste Besonderheit gab es eine Doppelmoderation: Der Schirmherr des CareSlams Prof. Dr. Michael Bossle hatte die weite Reise aus dem fernen Bayern nach Berlin angetreten, um mit seinem Können und vollem Einsatz noch einmal darauf hinzuweisen, warum er es besonders wichtig findet, dass die Pflege die Stimme ergreift und in einem emanzipatorischen Prozess ästhetische Räume erobert. Er forderte hierbei auch dazu auf, den Mut zum Scheitern zu haben. Denn aus diesen Erfahrungen könnten neue Horizonte und Blickwinkel entstehen.

Yvonne Falckner freute sich über den Besuch von Michael Bossle ganz besonders und kündigte sogleich den ersten CareSlammer an. Der Altenpflegeexperte und Initiator von „Pflege am BodenMichael Thomsen zeigte in seinem Vortrag zum Thema „Pflege als Teamaufgabe – Pflege planen nach dem mäeutischen Modell!“ sein tiefes Fachwissen. Besonders einleuchtend konnte er anhand des Gleichnisses „Die blinden Männer und der Elefant“ darstellen, dass Pflegekräfte trotz teilweiser identischer Ausbildungen, doch auch immer wieder unterschiedliche Facetten von anvertrauten Personen wahrnehmen und diese Wahrnehmungen nur im mäeutischen Gespräch, zu einem ganzheitlichen und die Person stärkenden Pflegeprozess führen können. Er plädierte dafür, schon früh Auszubildende in diese Gespräche einzubeziehen und forderte, auf das Einzelkämpfertum zu verzichten. Der Vortrag war spannend und Michael hatte Mut zum Scheitern: Er überzog die Zeit.

Kerstin Vietze, examinierte Altenpflegerin aus Berlin, amüsiert sich still und doch mit einer tiefen Ernsthaftigkeit über das Vorurteil gegenüber der pflegenden Klasse: „Oh ja, mein saugend Helfersyndrom!“. In ihrem Slam zeigte Vietze deutlich auf, dass die Pflegenden mit Zuschreibungen wie „Helfersyndrom“ und „Dienst aus Nächstenliebe“ Abgrenzungsprozesse in der beruflichen Professionalisierung innerhalb des Systems erschweren. Sie kämpfte auf der Bühne dafür, dass wir auf das Helfersyndrom schei… sollten, um in diesem Pflegenotstandsland nicht weiter zu erkranken und dass wir zudem uns als Person einfordern sollen. Nur so kann die Pflege letztendlich gesunden.

Die examinierte Krankenschwester aus Leverkusen, Diana Leisering, berichtet zum Thema „Zwischen Wünschen und Zwängen… meine Arbeit mit geistig und körperbehinderten Menschen“. Sie zeigte auf, wie es sich anfühlt, wenn man in dem großen Gebiet der Heilpflege unterwegs ist. Man gehört nirgends wirklich hin, weder in die Krankenpflege, noch in die Altenpflege. Einen großen Anteil ihrer Arbeit macht einen pädagogischen Pflegeansatz aus. So muss sie z.B immer wieder über die Beziehungsebene daran arbeiten, dass bereits Erlerntes beim Bewohner immer wieder gestärkt wird. Für diese Arbeit benötigen Pflegekräfte Zeit, denn Beziehungsgestaltung und eine Ausgestaltung von Heimat für Menschen mit besonderen Bedürfnissen dauert. Doch die Pflegegesetze zeigen viele Zwänge. Besonders schwierig empfindet Leisering, dass die erstmals in unserer Gesellschaft alternden Menschen mit geistigen Behinderungen nicht ausreichend in den Gesetzen abgebildet werden und z.B bei hohem Pflegebedarf in Altenpflegeeinrichtungen implementiert werden müssen. Die Altenpflege ist jedoch auf diese spezielle Art der Pflege nicht vorbereitet. Bei Diana Leisering spürte man, dass eine Pflegekraft auf der Bühne stand, die sich hervorragend in die unterschiedlichen Erlebens-, Gefühls- und Kommunikationswelten von Menschen mit geistiger Behinderung hineinversetzen kann.

Leiserings Thema wurde danach von der Band Handiclapped unterstützt. Handiclapped ist eine Band, die es sich zum Ziel gemacht hat, als professionelle Musiker für und insbesondere mit Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung zu musizieren. Hierbei zeigte sich die Band sehr kreativ, wie sie dem Publikum verriet, und bauen auch schon einmal ein Instrument um. Das Publikum feierte den musikalischen Auftritt der Band und staunte über deren Kraft und gelebte Inklusion.

Nach der Pause kündigte Yvonne Falckner, die Kinderkrankenschwester und Intensivpflegefachkraft Claudia Hanke an. Hanke ging mir den Pflegekräften hart ins Gericht und hielt uns vor, dass wir einen großen Teil Mitschuld an der selbstverschuldeten Unmündigkeit tragen. Pflegekräfte sind kaum in der Lage, die ihnen zustehenden Rechte einzufordern, sondern wir verhalten uns oftmals kollektiv dumm, indem wir z.B. ständig Überstunden schieben oder auch Leistungen unterschreiben, die nicht erbracht wurden. Keine andere Berufsgruppe würde sich ständig so sehr selbst boykottieren, wie die Pflege. Wir können keine Forderungen stellen, wenn wir nicht endlich Nein sagen!

Hanke schimpfte und führte schlüssige Beispiele an. Sie machte es so gut, dass man spürte, hier werden der Beruf und die Menschen aufrichtig und auf extrem professioneller Ebene wahrgenommen und geliebt. Die Publikumsbeschimpfung „Die dümmste Berufsgruppe? Eine Gegenüberstellung zwischen Können und Tun“ sollte jede Pflegekraft einmal über sich ergehen lassen. Wir ziehen den Hut.

Still, leise und zielgerichtet eroberte Marika Lázár die Bühne. Sie ging nach Hankes Kritik an den Pflegekräften mit den Verbänden und politischen Akteuren ins Gericht, die immer wieder Ideen der professionell Pflegenden mit den Worten: „Sei nicht so laut, wir können das besser!“ abspeisen würden. Das ständige Klagen von Verbänden und Parteien über die Desorganisation der Pflege, bei gleichzeitiger Ausbremsung, wenn man sich einbringt, bringen Lázár an ihre Grenzen. Dabei erkennt sie aber auch an, dass es in diesen Strukturen immer wieder lohnende Mitstreiter zu finden gibt. Dennoch sucht sie immer wieder nach neuen Möglichkeiten und Kanälen, um ihre Ideen und Belange zu weiter verbreiten. Diesmal kritisch auf der CareSlam-Bühne. Die examinierte Krankenschwester und Pflegemanagerin wird nicht müde und sagt sich: „Kranke Schwester geht in die Politik!“

Zum Ende teilten sich Bossle und Falckner noch einmal die Bühne. Falckner lud Michael Bossle dazu ein, eine kleine Improvisation zum Thema „Humor in der Pflege“ durchzuführen. Bossle und Falckner setzen sich hierzu eine rote Nase auf. Es gab eine Pflegeclownshochzeit für die Pflege inklusive Nasenkuss zu sehen, bevor es wieder ernst wurde.

Bossle näherte sich der Philosophie des Clowns an und forderte noch einmal dazu auf, dass wir, um sichtbar zu werden, immer besser scheitern lernen sollten. Falckner pflichtete diesem Statement bei, da sie eine Verfechterin des kreativen und ästhetischen Scheiterns ist, um im ernsten Situationen letztendlich die tatsächliche Kunst der Pflege und Menschlichkeit zu zeigen. Es folgte die Verneigung mit allen CareSlammern und zur Belohnung gab es einen wunderschönen Blumenstrauß namens Applaus.

Handiclappend fegte mit einer Improvisation das Theater aus und viel freudige Gesichter und glückliche Stimmen waren im Foyer zu hören.

Wir machen weiter!